Ansichten zur Rekonstruktion

Hans Thonauers (d.Ä.) Ansicht der Wolfratshauser Burg (um 1577/78) – sie befindet sich im Antiquarium der Residenz München – ist die älteste uns bekannte Darstellung und dürfte der Wirklichkeit am nächsten kommen.

Michael Wening zeigt in seinen zwei Stichen von Wolfratshausen (1701) eine Entwicklung der Bauten. Wening hat nicht mit exakter Perspektive gezeichnet, meist nur Axiometrie verwendet, und es ist bekannt, dass er sich nicht immer detailgenau an die örtlichen Verhältnisse hielt. Wening zeigt die gleichen Verhältnisse wie Thonauer und nimmt auch denselben Standpunkt in der Ansicht ein. Es darf angenommen werden, dass sich Wening an der Realität orientiert, oder er hat sich an die Vorlage von Thonauer gehalten, um dann beim Stich vom Schloss einen repräsentativen Fürstenbau abzubilden.

Eine weitere Schwierigkeit in allen Ansichten bieten die Türme bzw. die Kirche am linken Rand der Darstellungen: Bei Wening müsste die Kirche dann im Vordergrund sein, also auf der Vorburg, und nicht in der Ebene der Wehrbefestigung auf der Hauptburg.
Bei Thonauer ist eine Kirche am linken Rand eingezeichnet. Zwei Kapellen auf dem zentralen Burgplateau sind nicht sehr wahrscheinlich. Thonauers Blickwinkel lässt aber auch die Interpretation zu, die Kirche befinde sich südlicher als die Halsmauer der Hauptburg. Unter dieser Annahme decken sich Wening und Thonauer. Wenings Torbau mit Brücke über dem Graben könnte eine bauliche Zutat der Zeit nach Thonauer sein oder eine Erfindung des Kupferstechers Wening.

Rekonstruktionsversuch
Die Leitlinie dabei war:
Die Steine der Grundmauern wurden bei der Zerstörung der Burg ausgegraben und anderweitig wiederverwendet. Die Aushubgräben sind in Max Spindlers Plan von 1951 deutlich eingezeichnet. Auf dieser Grundlage wurde mit Hilfe der Bilder eine Zuordnung der Bauten zu den Fundamentgräben versucht. Die Ansichten wurden perspektivisch verzerrt und auf den Plan eingepasst. In den Südansichten wurden dabei die Proportionen des Palas erhalten, damit eine Vorstellung der Höhenverhältnisse der Gebäude möglich ist. Der Turm im Südwesten, wie Wening und Thonauer ihn zeigen, ist im Gelände nicht eindeutig zu lokalisieren. Dieser Turm könnte durchaus mit der Kirche, wie oben angesprochen, in Verbindung gebracht werden. Da ergibt sich aber bei Thonauer ein Widerspruch: Er zeigt im Südwesten einen Turm und die Kirche.

Über die Bebauung der Westseite der Burg kann keine Aussage getroffen werden. Fundamente geben wenig Auskunft über die darauf stehenden Bauten, da diese mehrmals zerstört und wieder aufgebaut wurden. Die Fundamente könnten einfach überbaut oder zugeschüttet worden sein. Es kann keine Aussage getroffen werden, wo der Bergfried einst gestanden hat.

Gräben der ausgegrabenen Fundamente (li.)
mit Türmen und Begrenzung des Bergplateaus (re.)

BV-W, HS, Rekonstruktion Burg 1 BV-W, HS, Rekonstruktion Burg 2
 

Die Burg Wolfratshausen nach der Ansicht von Hans Thonauer
mit eingezeichneter Perspektive der Südseite

BV-W, HS, Rekonstruktion 3   BV-W, HS, Rekonstruktion, Ansicht Thonauer
 

Die Burg in Wenings Kupferstich „Marck Wolfertshausen“

BV-W, HS, Wening, Marck Wolfertshausen

 
BV-W, HS, Rekonstruktion 4 BV-W, HS, Rekonstruktion 5
Die Perspektive der Ostseite . . . in den Plan eingezeichnet
 
BV-W, HS, Rekonstruktion 6 BV-W, HS, Rekonstruktion 7
Die Perspektive der Südseite . . . in den Plan eingezeichnet
 

Die obigen Versuche, die Gebäude auf dem Burgplateau zu rekonstruieren, beruhen auf den Ansichten und den Aushubgräben der Fundamente. Thonauers Ansicht der Wolfratshauser Burg zeigt den Zustand am Ende des Mittelalters. Wenings Ansicht wiederum zeigt ein Schloss und keinen Wehrbau mehr:

BV-W, HS, Michael Wening, Schloss Wolfratshausen

Schwierigkeiten bereitet der Vorplatz zwischen Hangkante und Giebelseite des Schlossbaues: Ein mittelalterlicher Wehrbau wird die Hangkante mit einer Befestigung sichern, die bei der Bedeutung des Wolfratshauser Schlosses sicher eine Mauer gewesen sein dürfte.

BV-W, HS, Rekonstruktion, Thonauer

Wehrmauer am Burgplateau nach Thonauers Ansicht

Die obige Ansicht bietet eine Erklärung an: Beim Umbau zum Schloss wurde die Mauer entfernt, wobei am Ende des Mittelalters der Bergfried, ein wesentlicher Bestandteil einer Burg, schon nicht mehr vorhanden war. Der von Wening gezeigte Bau passt mit den Aushubgräben gut überein.
Könnte das Gebäude in der Ansicht in der Münchner Residenz aber auch ein Vorgängerbau sein, der überbaut oder abgerissen wurde? Die Baugeschichte der Burganlage wäre zu erforschen.

Diese Versuche zeigen, wie wenig wir über die Bebauung auf dem Burgplateau wissen, wie hypothetisch solche Versuche sind. Sie sind im Rahmen einer Arbeit zu Burgen im Isartal entstanden als Illustration bei der Begehung.

Text/Fotos: Helmut Schmidmeier, Isardamm 117, 82538 Geretsried – MailPDF – Grafik Pfeil: Double-J Design

Seitenende